Abendrot

Ein kollektiver Bewusstseinswandel ist möglich

Warum? Weil wir ihn dringend brauchen. Viele Menschen – auch hier in Augsburg – engagieren sich heute schon für usere Mitmenschen, für die Heilung der Erde, für die Lösung unserer Menschheitsprobleme, den Schutz von Umwelt und Natur, für gesunde Nahrung, für Weltfrieden, für Völkerverständigung, für Katastrophenhilfe usw. Da sind Aktivisten, Helfer, Käufer in Bioläden und Biobaustoffläden, Tierschützer, Ingenieure. Sie alle leisten Großartiges. Aber wenn wir die Politik anschauen, sehen wir, dass alles in alten Bahnen weiterläuft, so lange wie irgendwie möglich, dass ständig neue schädliche Technologien auf den Markt kommen, dass der Großteil der Bevölkerung die Zusammenhänge nicht versteht, dass ganz wichtige Altlasten nicht angepackt werden und die Maßnahmen gegen die Klimaerwärmung lauwarm vor sich hin dümpeln.

Warum funktioniert das noch? Das funktioniert, weil die Menschen in der kollektiven Verdrängung leben und in der Trennung zwischen sich selbst und den anderen Menschen, zwischen sich und anderen Wesen, zwischen sich und der Natur, zwischen sich und der Schöpfung. Wenn diese Trennung aufgehoben wäre, wüssten alle sofort, was falsch und was richtig ist, man könnte die Menschen nicht mehr so leicht anlügen und alle würden anfangen, über Lösungen nachzudenken und wir könnten spirituelle Menschen in der Politik haben.

Autorin: Dipl.-Psych. Lydia Decker

Waldbild Tod und Übergang

Der Tod ist ein Übergang

Hier möchte ich meine ganz persönliche Meinung zum Thema Tod und Sterben und dem Leben danach mitteilen. Jeder Mensch kann sich darüber natürlich seine/ihre eigene Meinung bilden und glauben, was sie/er will. Ich schreibe jedoch darüber, weil in unserer Gesellschaft so wenig zu diesem Thema zu erfahren ist. Wir vermeiden dieses Thema lieber oder verlassen uns auf den Pfarrer. Aber der vertritt ebenfalls nur seine individuelle Anschauung oder die Lehrmeinung seines Arbeitgebers.

Ich bin nach vielen Jahren des Lesens und Lernens zu diesem Thema zu der Überzeugung gelangt, dass der Tod kein Ende ist. In den meisten spirituellen Traditionen der Menschheit wird das so gelehrt und etwas Anderes macht für mich auch keinen Sinn. Denn welchen Sinn sollte ein Leben haben, das nach einer schlecht oder recht verlaufenen Lebenszeit mit all ihren Schwierigkeiten und dem ganzen Versagen, der Not, der Bemühung und des Scheiterns und Wieder-Aufstehens oder des materiellen Erfolgs und ein paar Glücksmomenten einfach so ins Nichts verschwindet? Haben wir dafür dieses immense Potential an Bewusstsein, an Kreativität, an Intelligenz, an Liebesfähigeit bekommen? Das ist einfach unlogisch. Ich bin davon überzeugt, dass wir mit diesem Potential ausgestattet sind, um es im Leben zu entfalten. Die christlich-kirchliche Lehrmeinung heutzutage ist, dass wir zwar ein Leben nach dem Tod haben, aber das spielt sich entweder im Himmel oder in der Hölle ab. Das würde bedeuten, dass wir nur eine Chance haben, die wir in diesen paar Jahren auf der Erde entweder genutzt haben oder durchgefallen sind. Und das alles, um danach für immer und ewig irgendwo als reines Bewusstsein mit dem ganzen riesigen Potential herumzulungern? Das wäre doch wieder eine grandiose Verschwendung und ergibt keinen Sinn.

Wenn ich von einem Leben nach dem Tod ausgehe, dass ist auch klar, dass es ein vom materiellen Körper unabhängiges Sein geben muss, denn der Körper wird irgendwann funktionsuntüchtig und löst sich nachweislich auf. Dieses unsterbliche Sein empfindet sich als ein von Anderen getrenntes Ich. Wenn sich dieses Ich zu seinem vollen Potential entwickeln soll, muss es die Möglichkeit haben, lernen zu können, das heißt, Erfahrungen speichern zu können und weiter nutzen zu können. Für mich ist es darum nur logisch, dass das unsterbliche Sein mit einem Ich-Bewusstsein immer wieder eine neue äußere Hülle annimmt, um in dieser Realität Erfahrungen machen zu können. Für mich ist es nur naheliegend, dass wir uns immer wieder neu in einen Körper inkarnieren, um weiter zu lernen und unser Potential zu entfalten. So wird es auch in den meisten spirituellen Traditionen gesehen.

Es gibt auch eine andere Auffassungen, die ich aber wiederum nicht logisch finde. Da wird die Meinung vertreten, dass sich das Ich-Bewusstsein immer wieder in einem großen Bewusstsein auflöst und sich für eine neue Inkarnation ein neues zufälliges Ich-Bewusstsein bildet. Diese Idee würde bedeuten, dass jede Wiedergeburt von einem neuen hohen Selbst beseelt ist, das an keine individuellen Erfahrungen anknüpft, sondern an die Erfahrungen eines großen Geistes oder Gesamtbewusstseins. Es gäbe in diesem Konzept keine individuelle Entwicklung, sondern nur eine gesamt-universelle Entwicklung.

Ich gehe davon aus, dass daran auch etwas richtig ist, aber trotzdem eine individuelle Entwicklung statt findet. Jeder Mensch ist eine individuell zentrierte Bewusstseinsform, die sich als Ich empfindet, auch wenn diese Trennung eine Konstruktion des überindividuellen Bewusstseins ist. Einfacher ausgedrückt: „Ich“ bin eine Seele, die in einem Körper wohnt, bis er stirbt. Dann komme ich zurück in einen neuen kleinen Körper, der wieder heranwächst, bis er stirbt, usw. usf. Das mache ich solange, bis ich genug gelernt habe und in der göttlichen Bestimmung angekommen bin.

Dazu muss ich verstehen, dass ich zwar ein Ich, aber nicht diese Person mit diesem Charakter und seinen Vorlieben und Abneigungen bin, sondern ein unsterbliches Wesen „nach Gottes Abbild“ (Bibel, AT). Aber erst, wenn ich alle Vorstellungen davon aufgegeben habe, wer ich bin, können sich die göttlichen Eigenschaften des höheren Selbst durch mich ausdrücken. In diesem Prozess sehe ich den Sinn der Reise des Lebens.

Sollte eine Leserin, ein Leser jetzt der Meinung sein, dass dann ein Selbstmord ja keine schlimme Sache sei, so bitte ich zu bedenken: Sie werden wieder zurück kommen und nichts hat sich geändert, weil der Prozess da weiter gehen muss, wo er unterbrochen wurde.

Autorin: Dipl.-Psych. Lydia Decker

Sexualität und Sex auf neue Art

Sex oder Selters

Über Sexualität herrscht so viel Verwirrung in unserer Gesellschaft. Überall sind wir damit konfrontiert, überall wird uns eingeredet, welcher und wieviel Sex normal sei, was noch alles interessant sei und man ausprobieren müsse und wie wir das Sexleben beleben könnten usw. Realität in Beziehungen ist aber, dass das Sexleben mit der Zeit nachlässt und weniger wird, dass sich Unzufriedenheiten und Unstimmigkeiten einstellen und dass die Partner denken, sie seien nicht normal, weil sie kein solches Sexleben haben wie in den Illustrierten. Manche versuchen es mit neuen Eroberungen, manche mit Seitensprüngen, manche mit Pornografie, manche mit Verweigerung. Es gibt viele verschiedene Umgehensweisen, keine davon schafft auf Dauer ein glückliches Liebesleben. Der typische Konflikt zwischen Frau und Mann ist, dass die Frau „zu wenig“ und der Mann „zu viel“ Sex will – nach der Ansicht des jeweilig Anderen. An diesem Punkt kommen die Paare dann oft nicht mehr weiter, weil ein Teufelskreis entstanden ist: Sie zieht sich zurück und er macht Druck. Je mehr Druck er macht, umso mehr zieht sie sich zurück. All das ist das Ergebnis der Unwissenheit und Falschinformationen, die über Sexualität in Umlauf sind.

Wir müssen uns als erstes klar machen, dass mit Sex Geld verdient wird und das ein Wirtschaftszweig ist. Dieser Wirtschaftszweig hat ein Interesse daran, dass wir alle nicht wissen sollen, wie natürliche Sexualität, die uns zufrieden macht, funktioniert, sondern dass wir wir aus Unzufriedenheit deren Produkte kaufen sollen.

Als nächstes ist es wichtig, sich noch einmal daran zu erinnern, woher das eigene Wissen über Sexualität kommt: aus Jugendzeitschriften, aus Gesprächen mit Gleichaltrigen, aus Filmen und aus dem Vorbild der Eltern. Wer hat es erlebt, dass ein erfahrener Erwachsener offen, kompetent und bejahend über Sexualität mit ihr/ihm gesprochen hat? Ich kenne niemanden.

Gehen wir diese Quellen der Reihe einmal durch:
Die Zeitschriften schreiben das, was dem Zeitgeist entspricht und neugierig macht, sie wollen schließlich gekauft werden. Es muss also schon ein wenig Sensation drin sein und die jungen Leute anlocken.
Die Gespräche mit Gleichaltrigen sind Gespräche mit ebensolchen Unwissenden wie sie selbst. Da wird angegeben, gelogen, verheimlicht. Niemand will in dem Alter mit Unsicherheiten, Ängsten oder Fehlversuchen erwischt werden.
Die Filme bedienen ganz gezielt die Fantasien beider Geschlechter und zwar geschlechtsspezifisch Liebesromanzen für die Frauen, starke Helden für die Männer. Frauen fantasieren davon, wie sie erettet werden von einem starken Mann, der um sie wirbt oder kämpft, der sensibel, selbstsicher und treu ist und eine Familie mit ihnen gründet und er ein lieber Papa wird. Die Männer fantasieren davon, wie sie Feinde in die Flucht schlagen und zwischendurch schnellen pornografischen Sex haben mit den Frauen, von denen sie angehimmelt werden. Oder die pornografischen Filme, bei denen Männer lernen, mit Bildern von weiblichen Geschlechtsteilen, Stellungen, Superkörpern und allseits bereiten Frauen Orgasmen zu haben.
Die Eltern geben ihre Einstellung zu Sex weiter, ob sie davon sprechen oder nicht. Da kommen Bemerkungen über Sex, da Kommentare zu anderen Leuten. Auch was die Mutter über Männer im allgemeinen und den Vater im Besonderen sagt, ist prägend, genauso umgekehrt der Vater über Frauen. Wichtig ist auch das einfache Vorbild: Wie ist die Beziehung der Eltern untereinander? Sind beide zärtlich, freundlich, liebevoll im Umgang oder anders?

Dann kommen die ersten sexuellen Erfahrungen. Mädchen mit ihren Fantasien treffen auf Jungs mit deren Fantasien. Das kann nicht gut gehen. Nichts davon hat irgendetwas mit der Realität zu tun. Beide sind auf sich allein gestellt. Meistens geht es für die Mädchen schlecht aus, denn sie hat sich auf Zärtlichkeit gefreut und bekommt einen Akt, in dem der junge Mann seine aufgestaute Lust ablädt. Das wird zurecht von beiden als wenig befriedigend erlebt. Die ersten Vorurteile gegenüber Männern und Sex und Frauen und Sex werden gebildet und in spätere Beziehungen mit genommen.

Soweit skizziert dürfte klar sein, dass Probleme im Liebesleben vorprogrammiert sind. Es könnte aber auch anders sein, wenn wir mehr darüber wüssten.

Sexualität ist Teil einer zärtlichen körperlichen Beziehung. Nicht die Sexualität ist die Hauptsache und der Rest ist Vorspiel. Erst die zärtliche Berührung erweckt in einer Frau die Bereitschaft, sich zu öffnen. Erst die Vereinigung mit einer Frau, die für ihn bereit ist, kann einen Mann wirklich befriedigen. Wenn beide ihre Liebe füreinander in der körperlichen Nähe ausdrücken und dabei achtsam und sanft sind, wird Sexualität zu einer zutiefst nährenden Erfahrung. Sexualität auf diese Weise gelebt macht satt und nicht süchtig.

Dazu müssten beide Geschlechter aufhören, ihre Fantasien oder Vorurteile zu pflegen. Frauen und Männer brauchen für diesen Weg die Einsicht, dass sie Sexualität neu lernen müssen. Wenn ein Mann versteht, dass jede Frau ein total empfindsames Wesen ist, das alles registriert, was er denkt und fühlt und er ihr nichts verheimlichen, nichts vormachen kann, dann ergibt sich als Konsequenz von alleine, dass er präsent und ganz auf sie konzentriert sein sollte. Sie wird es merken und sich angenommen und wohl fühlen. Es würde beiden gut tun, ehrlich zu sein, ehrlich zu leben, mit dem Körper und Gedanken achtsam umzugehen. Wir kommen hier wieder auf das Thema Achtsamkeit, dem ich einen eigenen Artikel gewidmet habe. Für die neue verbindende Sexualität ist Achtsamkeit notwendig. Mit Achtsamkeit und Präsenz können die Partner dann erst wahrnehmen, was wirklich in ihnen passiert. Welche Empfingungen sind da? Welche Emotionen sind da? Welche Blockierungen sind da? Welche Ängste usw. Diese Beobachtungen werden dem Partner, der Partnerin ehrlich mitgeteilt. Dann ist Aufrichtigkeit da statt Fantasie, dann besteht die Chance zur Heilung all dieser Störfaktoren.

Wenn das gelingt, dann kann sich die Frau fallen lassen, weich werden und sich ihrem Mann hingeben. Das ist für den Mann das Schönste, was er beim Sex erleben kann. Er wird die Schönheit der Frau erkennen. Und das wiederum ist das Schönste, was eine Frau mit ihrem Mann erleben kann, nämlich dass er ihre Schönheit, Sanftheit und Weichheit zum Leben erweckt.

Wenn Sexualität Teil der zärtlichen Liebesbeziehung wird, dann erkennen sich beide Geschlechter in ihrer Schönheit.

Autorin: Dipl.-Psych. Lydia Decker

Zum Weiterlesen:
Diana Richardson „Zeit für Liebe“
Barry Long „Sexualität auf spirituelle Weise“
Film: „Slow Sex“

Partnerschaft, Paarbeziehung und Liebe

Das Abenteuer zu zweit

Die Paarbeziehung ist meistens eine große Herausforderung. Oder wird es irgendwann. Die meisten Menschen gehen mit Vorstellungen in eine Paarbeziehung, die nicht viel mit der Realität zu tun haben. Es sind entweder Idealvorstellungen, die sich aus dem abschreckenden Vorbild der Eltern entwickelt haben oder es sind angstvolle Vorstellungen, die durch ein Sicherheitsverhalten vermieden werden sollen. Trotz aller dieser Versuche, die Paarbeziehung zu kontrollieren oder angenehm zu gestalten, stellen sich früher oder später Schwierigkeiten ein. Ich schreibe das hier bewusst so, weil die Probleme dadurch verschärft werden, dass die meisten Leute denken, nur sie hätten das und alle Anderen seien rundum glücklich. Vielleicht sind die anderen Paare gerade mal glücklich, aber bestimmt nicht immer.

Ein Problem kann auch als Herausforderung betrachtet werden, dann ist es schon nicht mehr so bedrohlich. Probleme lassen sich immer lösen, Schwierigkeiten lassen sich meistern und Krisen gehen vorbei. Das ist ein Grundgesetz der Natur: „alles geht vorbei“. Zumindest darauf kann man sich verlassen.

In der Paarbeziehung leben und erleben wir alle unsere früheren Liebesbeziehungen wieder, in Teilen oder als Wiederholung oder als Gegenkonzept. Die ersten Liebesbeziehungen sind die wichtigsten und das sind die Beziehungen zu unseren Eltern, dann kommen die Geschwister, dann der Freundeskreis, dann erste intime Erfahrungen, dann Partnerschaften. Die am meisten prägenden Liebesbeziehungen sind daher die mit den Eltern. Wie sich das konkret auf ein Beziehungsverhalten auswirkt, ist individuell verschieden. Da Eltern niemals alles perfekt machen können, wird es wunde Punkte geben, die in einer folgenden Liebesbeziehung angerührt werden können. Interessanterweise stellen alle Paartherapeuten fest, dass sich Menschen häufig in Partner verlieben, die genau diese wunden Punkten treffen werden, auch wenn das anfangs in der ersten Verliebtheitsphase nicht so aussah.

Ich habe beobachten können, dass sich eine Paarbeziehung entwickelt, wie ein Mensch vom Säugling zum Erwachsenen. Erst kommt die Babyphase, dann die Kleinkindphase, dann die Schulkindphase, Pubertät, Ablösung, Unabhängigkeit usw. bis die Beziehung erwachsen wird. Je nachdem, was ein Mensch in diesen Phasen seiner eigenen Kindheit erlebt hat, werden die entsprechenden Emotionen, Konflikte, Bewältigungsmuster oder Vermeidungsstrategien aktiviert. Hieraus ergibt sich die wunderbare Chance, zum zweiten Mal etwas zu lernen, zu wachsen, zu reifen, eine neue Erfahrungen zu machen und anders mit den Problemen umzugehen als als Kind. Die Chance fragt: Wie könntest du als erwachsene freie Person dieses Problem bewältigen?

Ein paar Beispiele zur Veranschaulichung:
Ein Mann fängt nach der Eroberungsphase an, sich viel mit Freunden zu treffen, ihr aber sagt, das sei doch ganz normal. Die Frau fühlt sich vernachlässigt. Er war doch so begeistert und hat sie intensiv umworben. Was ist passiert? Wir sind in der Kleinkindphase der Beziehung. Möglicherweise hatte der Mann als kleiner Junge eine sehr vereinnahmende Mutter, die ihn ständig gegängelt, kritisiert und begrenzt hat. Das erweckte den starken Wunsch nach Freiheit und die Angst vor Enge.

Oder:
Eine Frau hat Affairen, die ihren Schwerpunkt auf der sexuellen Begegnung haben. Ansonsten verhält sie sich so widersprüchlich und abweisend, bis der Mann sich verabschiedet. Warum? Sie leidet darunter, dass sie keinen festen Partner findet, sie wünscht sich eine Familie. Hier kommt die Beziehung über die Babyphase nicht hinaus. Möglicherweise hat die Frau in ihrer Kindheit erlebt, dass der Vater die Familie verlassen hat, als sie noch sehr klein war. Sie traut keinem Mann mehr, sie will diesen schmerzhaften Verlust nie wieder erleben. Sie hat später in ihrer Jugend gelernt, dass Männer sich durch sexuelle Angebote anlocken lassen und das tut sie, um körperliche Nähe zu erleben. Dann kommt die unbewusste Angst und vermasselt alles.

Für mich ist klar, jeder wird mit solchen Themen in der Liebesbeziehung konfrontiert werden. Die Aufgabe besteht darin, es bewusst wahrzunehmen und ehrlich zu werden. „Was ist mein Teil an der Geschichte“. „Was tue ich aus welchen Motiven?“ „Welche Angst spielt eine Rolle“. Wenn sich Partner untereinander fordern und aushalten, können neue Lösungen gefunden werden. Das braucht aber Zeit. Das braucht Geduld. Mitgefühl mit sich und dem Anderen. Und die Überhahme von Verantwortung. Wie könnte ich als erwachsene freie Person mit diesem Problem noch umgehen, anstatt so, wie ich es gerade tue?

Das kann man in einer einzigen Liebesbeziehung tun oder in aufeinander folgenden. Es ist darum nicht unbedingt die Lösung, sich einen neuen Partner zu suchen, bevor man sein Verhaltensmuster verändert hat. Dann wiederholt sich nämlich die Geschichte. Es kann jedoch auch sein, dass die bestehende Partnerschaft nur so funktioniert, wie es war und die Weiterentwicklung nicht erträgt. Dann ist eine Trennung notwendig. Im Idealfall, gerade wenn Kinder da sind, entwickelt sich die Liebesbeziehung weiter. Zur Belohnung für die Bewältigung der Entwicklungsschritte kommt die Phase von zwei in Liebe verbundenen freien erwachsenen selbstbestimmten Menschen.

Autorin: Dipl.-Psych. Lydia Decker

Säulen der Gesundheit

Die Säulen der Gesundheit oder WAS tut eigentlich der Arzt?

Gesundheit ist der natürliche Zustand des Körpers und der Seele. Krankheit ist eine Störung der feinen komplizierten inneren Abläufe, die noch gar nicht alle erforscht sind. Die Gesundheit gründet sich auf verschiedene Säulen, die alle gleichermaßen beachtet werden sollten. Liegt ein Bereich im Argen, leiden die anderen mit und es kann zu Krankheiten kommen.

Die Säulen der körperlichen und psychischen Gesundheit sind nach meiner bisherigen Erfahrung:
1. eine bejahende Einstellung zum Leben und zu sich selbst
2. günstige Umweltbedingungen (Wohnumgebung, Arbeitsplatz, soziale Unterstützung, finanzielle Absicherung)
3. gesunde Ernährung, ausreichend Erholung und Bewegung
4. liebevolle Beziehungen
5. die Möglichkeit zur persönlichen Entwicklung

Eine bejahende Einstellung zum Leben und zu sich selbst ist elementar wichtig, um gesund zu bleiben, um Krisen gut zu überstehen und die Selbstheilungskräfte des Körpers zu unterstützen. Der Körper reagiert auf Emotionen, die von Gedanken hervorgerufen werden, die wiederum von Einstellungen kommen. Wenn sich jemand ständig selbst verurteilt oder als Versager sieht oder wenn jemand sich als Opfer sieht und überall nur Feinde um sich herum oder wenn sich jemand als wertlos und nicht liebenswert ansieht, dann wird das auf lange Sicht zu Krankheiten führen. Es wird genauso einen Heilungsprozess erschweren.

Umgebungsbedingungen sind wichtige Faktoren für die Gesundheit. Umweltgifte, Elektrosmog, Lärm, Hektik, fehlender Freundeskreis oder fehlende familiäre Unterstützung können Stress im Körper erzeugen und die Gesundheit stark belasten. Auch darauf muss man achten und eventuell Veränderungen herbeiführen, wenn Krankheiten daraus entstanden sind.

Gesunde Ernährung, ausgleichende Bewegung und ausreichend Erholung sind Grundbedürfnisse des Körpers. Wenn diese Bedürfnisse jahrelang nicht beachtet werden, dann kommt es zu Krankheiten.

Liebevolle Beziehungen braucht der Mensch, mit Betonung auf liebevoll, denn hier sind nicht irgendwelche Kontakte gemeint, sondern eine harmonische intime Paarbeziehung und liebevolle Freundschaften. In der Verbundenheit mit einem intimen Partner oder einer guten Freundin, einem guten Freund kann ein Mensch seine tiefen Bedürfnisse nach Zärtlichkeit, Körperkontakt, Trost, Geborgenheit und Stabilität stillen. Wenn es solche Beziehungen nicht gibt oder die bestehenden die Bedürfnisse nicht erfüllen können, dann entsteht psychische oder körperliche Krankheit.

Jeder Mensch braucht auch die Möglichkeit, sich weiter zu entwickeln. Das ist in uns allen so angelegt. Wenn ein Mensch seinem inneren Ruf nicht folgt, wird er krank werden. Entweder verhindern äußere Umstände eine solche Entwicklung – was aber selten ist – oder innere Hemmungen, was häufig der Fall ist oder beides. Äußere Hindernisse lassen sich umgehen, wie körperliche Behinderungen, familiäre Zwänge, Verpflichtungen, Bildungsgrad, wenn jemand das wirklich will. Meistens sind es die inneren Blockaden, wie Ängste, Selbstzweifel, Unsicherheit, Bequemlichkeit, Resignation, die eine Entwicklung verhindern.

Was tut nun ein Arzt, eine Ärztin, wenn eine kranke Person zu ihm/ihr kommt?
Sie/er kann nur den Körper behandeln. Der Körper aber hat lange versucht, sein Gleichgewicht zu halten und ist nach langer Zeit aus der Balance geraten. Der gute Arzt, die gute Ärztin müsste deswegen nach der Geschichte und den Lebensumständen fragen und dazu beraten. Aber dazu fehlt meistens die Zeit und die Möglichkeit. Doch selbst wenn das geschieht, ist der/die Patient/in selbst in der Verantwortung. Denn nur er/sie selbst kann die notwendigen Veränderungen im Leben einleiten und durchführen.

Wer also die ganze Verantwortung dem Arzt/ der Ärztin übergibt und sich selbst mit einer reinen Symptombehandlung begnügt, kann langfristig nicht gesund sein. Vielleicht arbeitsfähig oder gehfähig oder funktionsfähig, aber nicht gesund. Für die Gesundheit sind wir selbst verantwortlich und wir müssen uns auch selbst darum kümmern. Das kann uns niemand abnehmen. Schließlich ist es mein Körper, in dem ich seit der Geburt drin stecke und ich kenne ihn am besten. Ich kann in den Körper hinein fühlen und die Signale beachten. Ich kann ausprobieren, wie es sich anfühlt, was gut für den Körper ist und was schlecht. Ich kann Informationen sammeln und in mich hinein spüren, was mich davon anspricht und was nicht. Dann kann ich mich danach richten, wenn ich mutig genug bin. Und auch das kann jeder lernen.

Autorin: Dipl.-Psych. Lydia Decker

Psychische Bedürfnisse von Kindern

Was Kinder wirklich brauchen

Neben der Versorgung ihrer körperlichen und existenziellen Bedürfnisse haben Kinder auch wichtige psychische Bedürfnisse und wenn diese nicht befriedigt werden, dann nimmt das Kind psychischen Schaden. Wenn die Bedürfnisse erfüllt werden, dann entwickelt sich das Kind zu einer selbstbewussten Person, die sich liebenswert und stark fühlt. Das Kind ist munter, fröhlich, aufgeschlossen, ehrlich und äußert seine Wünsche frei heraus. Es schließt Freundschaften mit anderen Kindern und wird nach und nach immer selbstständiger, bis es sich schließlich mehr für Gleichaltrige interessiert, als für das Elternhaus und eine intime Beziehung eingeht.

Die Bedürfnisse sind: (nach Altersentwicklung aufsteigend geordnet)

  • Geliebt und angenommen sein
  • Zärtlichkeit und Körperkontakt
  • Verlässlichkeit der geliebten Personen in Bezug auf Anwesenheit, Versorgung und positive Reaktionen
  • Wertschätzung, Lob und positive Rückmeldung bekommen
  • Unterstützung bei Entwicklungsschritten und Hilfe bei Problemen, z.B. beim Finden von Freunden, Organisation oder Umgang mit Frustration
  • ein Vorbild haben, das gesellschaftsfähig ist
  • Freiheiten haben und selbst ausprobieren dürfen
  • die eigenen Fähigkeiten entwickeln dürfen
  • Grenzen gesetzt bekommen, die für das Zusammenleben wichtig sind
  • die Welt erklärt bekommen, einschließlich der eigenen Emotionen
  • ein eigenes soziales Netz aufbauen
  • das andere Geschlecht kennen lernen dürfen
  • intime Beziehungen zu Gleichaltrigen knüpfen dürfen, die altersentsprechend sind

Autorin: Dipl.-Psych. Lydia Decker

Kinder, Schule und Probleme

Schule und kein Ende der Plackerei

Was lernen Kinder eigentlich in der Schule? Ich habe mich das in letzter Zeit häufiger gefragt. Es wird ja viel darüber geschrieben, dass es immer mehr ADHS-Kinder gäbe und immer mehr übergewichtige Kinder und immer mehr Kinder, die psychotherapeutischer Behandlung bedürfen.
Kinder sind doch so ein Bündel an sprudelnder Fröhlichkeit und Energie? Kinder freuen sich auf die Schule, sie wollen lernen, sie fragen den Eltern Löcher in den Bauch, sie wollen alles ausprobieren. Wohin verschwindet das alles? Eltern berichten mir von den anstrengenden Nachmittagen mit der Hausaufgabenbetreuung, von schulunwilligen Kindern, von Gesprächen mit Lehrern, dass das Kind nicht normal sei, von Streits zwischen den Eltern deswegen. Was passiert da? Die Eltern hatten sich einmal über ihre Kinder gefreut, es ist doch ein großes Glück, diese zarten Wesen begleiten zu können. Und jetzt? Stress! „Die Schule hat angefangen.“

Ich möchte es einmal so betrachten. In der Schule wird hauptsächlich gesessen. Möglichst wenig Bewegung ist gefordert, möglichst wenig Initiative, möglichst wenig spontanen Impulsen folgen, möglichst wenig reden, möglichst wenig selbst machen. Vielleicht nach Vorgaben der Lehrerin darf sich bewegt werden oder gesprochen oder gedacht werden. Sonst bitte nicht. Was ist aber mit der ganzen Energie, die sich in diesen lebendigen, spontanen, neugierigen, überschäumenden jungen Wesen bewegt? Wo soll sie hin? Sie muss unterdrückt ja werden, kanalysiert werden, woanders rausgelassen werden, hinuntergeschluckt werden, weggeträumt werden. Das kann nicht gut gehen. Was lernen Kinder hauptsächlich demnach: „Ich muss still halten, solange mich jemand beobachtet. Dann muss ich die Sau rauslassen, weil ich sonst verrückt werde.“ Diagnose: ADHS. Oder das Kind lernt: „Ich muss still halten und damit ich es aushalte, schalte ich mich ab und die Gamestation ein.“ Diagnose: ADS. Oder: „Essen hilft, dass alles drin bleibt, was sonst raus will.“ Diagnose: „Übergewicht“. Oder „Schule ist blöd, ich will da nicht mehr hin“ Diagnose: Schulverweigerer. Oder „Ich bin zu dumm, ich kann das nicht.“ Diagnose: Schulversagen.

Ich beobachtete im Zug eine Mutter mit einem Kleinkind und einer etwa 6-jährigen Tochter. Die Tochter sollte still neben ihr sitzen. Sie wollte aber aufstehen. „Aber nur aufstehen, nicht herumgehen“, war die Anweisung der Mutter. Die Tochter fing an, etwas hin und her zu gehen. „Aber nicht so weit weg“! Die Tochter ging weiter weg, sie rannte oder hüpfte ein wenig. Die Mutter fing an zu schimpfen, „jetzt komme her und bleib bei mir“. Sie holte die Tochter auf ihren Schoß. Dort krümmte sie sich und wollte auf den Boden rutschen. Das Mädchen konnte sich sichtlich kaum noch beherrschen, es litt unter der verordneten Bewegungseinschränkung wie ein Tiger im Käfig. Ich kam mit der Mutter ins Gespräch. Seit 8 Stunden waren sie schon unterwegs mit der Bahn! Fahrgäste hätten sich beschwert über ihre Tochter, weil sie so unruhig sei. Deswegen die Ermahnungen. Meine Güte, dabei ist doch Bahnfahren gerade deswegen bei Kindern so beliebt, weil sie sich da mehr bewegen können als im Auto.

Wenn ein Kind die Schule erfolgreich abschließt, hat es gelernt: „wenn ich mich beherrsche, meine spontanen Bedürfnisse unterdrücke und immer so schnell wie möglich erfasse, was die Erwachsenen von mir wollen, dann bekomme ich Anerkennung“. Das Kind denkt „wenn ich dann erwachsen bin, kann ich endlich machen, was ich will.“ Aber leider ist es dann zu spät. Denn das Gelernte steuert automatisiert die Gedanken und Handlungen. Das Kind wird sich weiter beherrschen und anpassen und unterdrücken und es wird damit erfolgreich sein. Denn solche Kinder sind gefragt in der Wirtschaft, in der Wissenschaft, in der Politik. Sie sind erfolgreich, aber nicht froh. Sie sind anerkannt, aber es ist nie genug.

Die Kinder, die in der Schule nicht erfolgreich waren und keine Anerkennung bekamen, die haben gelernt: „Ich bin dumm. Niemand mag mich. Ich habe nichts zu bieten, was irgendjemanden interessiert.“ Sie werden sich zur Arbeit widerwillig zwingen, wie zur Schule. Aber nach Feierabend werden sie schnelle Autos fahren oder konsumieren oder Süchten frönen, alles was sie früher schon irgendwie getröstet hatte. Sie werden etwas Spaß haben, aber nicht froh sein.

Ich gebe zu, dass das etwas plakativ ist. Natürlich gibt es andere Varianten. Ich hoffe aber, dass ich so ein gesellschaftliches Grundproblem darstellen konnte, mit dem Kinder heute aufwachsen müssen.

Autorin: Dipl.-Psych. Lydia Decker

Weitere Informationen:
„Alphabet“ der Film
Franz Josef Neffe „Die neue Ich kann Schule“

Verhaltenstherapie - Eine Erklärung

Verhaltenstherapie – Ein kraftvolles Werkzeug

Sie können davon ausgehen, dass ein hoher Prozentsatz des Verhaltens automatisiert abläuft und Sie sich dessen nicht bewusst sind. Der Mensch entwickelt komplexe soziale Verhaltensmuster im Verlauf der individuellen Lebensgeschichte, weil er bestimmte Wünsche und Bedürfnisse hat, die mehr oder weniger unter bestimmten Bedingungen im Elternhaus erfüllt werden. Diese Muster bleiben meistens ein Leben lang bestehen, auch wenn sich die Lebensumstände geändert haben.

Sie dürfen sich zu Recht fragen: Wenn ich angeblich automatisiert handle, wo bleibt da mein freier Wille?
Der freie Wille ist erst dann gegeben, wenn Sie die Wahl haben. Und die Wahl haben Sie erst, wenn Sie wissen wofür oder wogegen Sie sich entscheiden möchten. Das können Sie aber erst dann, wenn Sie wissen, welche Alternativen es gibt und welchen Nutzen sie bieten. Das Elternhaus ist für ein Kind das wichtigste Bezugssystem, wo es sich anpassen muss und seine ersten und wichtigsten Schlüsse über das Leben zieht. Da hatten Sie nicht viele Wahlmöglichkeiten. In der sogenannten Bedingungsanalyse rolle ich mit Ihnen diese Lerngeschichte wieder auf, um zu verstehen, wie es dazu gekommen ist, dass ein Mensch so denkt, fühlt und handelt, wie er es eben tut. Warum er/sie – noch – nicht anders kann, als es eben genau so zu machen.

Zu Beginn einer Therapie arbeite ich erst einmal gerne mit der Mikroanalyse, die genau untersucht, was in einer bestimmten Situation bei Ihnen abläuft. Und zwar in dem Moment, wo sich entscheidet, wie sie handeln oder nicht handeln. Es betrifft in der Regel einen Zeitraum von maximal einer Sekunde, in dem alles abläuft: die Auslöser, die Gedankenprozesse, die emotionale Reaktion, die darauf folgende Handlung. Wenn Sie das verstehen lernen, dann haben Sie den ersten Schritt zur Selbsterkenntnis getan. Selbsterkenntnis ist sehr wichtig für den Heilungsprozess, denn nur das, wofür Sie Bewusstsein haben, können Sie verändern.

Für Bedingungsanalyse und Mikroanalyse habe ich eine spezielle Fragetechnik entwickelt, mit der wir auch vorbewusste und unbewusste psychische Prozesse auffinden können. Mit dieser Fragetechnik ist es möglich, in tiefere Schichten der Psyche zu gelangen, wo die unbewussten Motive des Handelns verborgen sind.

Die Ergebnisse dieser Erforschung der individuellen psychischen Motivstruktur bespreche ich ausführlich, damit die Patienten/Innen sich selbst besser verstehen, besser annehmen können und die nächsten Schritte im therapeutischen Prozess mittragen können. Sie werden also in die Lage versetzt, Entscheidungen zu treffen, wie sie weiter leben wollen und was sie dafür tun möchten.

In meiner Praxis in Mering bei Augsburg arbeite ich mit kognitiver Verhaltenstherapie. Kognitiv heißt „gedanklich“, was betont, dass es auch um die geistige Verarbeitung von Situationen geht. Gedankenprozesse können eine psychische Störung verursachen, verschlimmern oder aufrecht erhalten. Kognitive Verhaltenstherapie wird bei allen psychischen Störungen (wie z.B. Depressionen, Ängsten, Zwangsstörungen, Essstörungen, Burnout …) angewandt. Sie hat sich seit den 80iger Jahren stark weiter entwickelt und ist heute ein Verfahren mit umfangreichem Repertoire, das die Lerngeschichte, Gedanken, Emotionen, Verhalten und das Zusammenspiel aus allem berücksichtigt.

Autorin: Dipl.-Psych. Lydia Decker

Schematherapie im Fokus

Schematherapie – Das Leben neu erfinden

Amerikanische Verhaltenstherapeuten um Jeffrey Young stellten fest, dass sie mit vielen Patienten/innen nicht voran kamen, weil diese sich nicht auf Veränderungen einlassen konnten oder wollten. Sie erforschten, was die Hintergründe waren. Dabei stießen sie auf verschiedene Schutzmechanismen, die die Psyche aufbaut, um Sicherheit, Selbstwertstützung und Anerkennung zu erlangen. Die Schutzmechanismen werden jedoch zu Hindernissen in der Psychotherapie – wie auch im Leben.

Schematherapie ist eine von vielen Weiterentwicklungen der kognitiven Verhaltenstherapie.
Ich verwende den Begriff „Schema“ so, wie ihn Jeffrey Young geprägt hat. Unter Schema versteht er eine feste Abfolge von individuellen Verhaltensweisen (auch gedanklich und emotional) in einer bestimmten Situation. Schemata entstehen durch Ereignisse und Erfahrungen in der Kindheit, die sich eingeprägt haben und heute noch durch Überzeugungen, Vermeidungsstrategien, Fühl- und Denkmuster, Gewohnheiten oder Vorstellungen das Leben bestimmen. Sie sind zu verstehen als Schutzmechanismen, als Anpassungsprozesse oder als Vermeidungsstrategien.

Das betrifft eigentlich alle Menschen gleichermaßen, wir alle erlernen in unseren frühen Beziehungen prägende Bewältigungsstrategien, die uns glauben lassen, wir wüssten, wie das Leben wirklich ist und wie wir uns darin sicher bewegen können. Kurz- und mittelfristig sind diese Strategien durchaus erfolgreich, sie haben sicher auch ein größtmögliches Maß an Gesundheit in der Kindheit ermöglicht. Langfristig auf das Leben gesehen, können diese Strategien aber auch schaden und eine psychische Störung verursachen. Das tückische an einem Schema ist, dass man nicht merkt, dass es existiert und das Handeln steuert. Es wird eher dadurch zum Thema, dass immer wieder dieselben Probleme in Beziehungen, im Beruf oder im Alltag auftauchen. Etwas wiederholt sich und alles, was die Person versucht hat zu verändern, hat nichts geholfen.

Wenn Sie schon einmal versucht haben, eine schlechte Gewohnheit abzulegen, wie z.B. sich das Rauchen abzugewöhnen, dann wissen sie, wie schwer es ist, so etwas zu verändern. Dass Sie etwas verändern möchten, aber „nicht können“. So ist es auch mit Schemata. Sogar noch schlimmer, denn sie aufzugeben erscheint erst einmal gefährlich, es macht Angst, es erscheint als Risiko. Man möchte daran festhalten, weil es einmal eine gute Lösung gewesen war. Der psychische Schmerz, der das Schema einmal notwendig gemacht hat, will nicht wieder erlebt werden. Das ist verständlich.

In der Schematherapie erarbeiten wir deshalb zuerst ein Bewusstsein für das, was geschieht. Wenn dann klar wird, dass eine automatisierte Abfolge von Reaktionsweisen vorliegt und eine Veränderung vor Vorteil wäre, dann gehen wir an die Entstehungsgeschichte des Schemas. Dazu verwendet man in der Schematherapie die Arbeit mit Vorstellungsbildern, die die Patienten/innen spontan aus ihrer Kindheit erinnern, sobald sie sich auf ihre Emotionen einlassen. In diesen Szenen liegen die Ursprünge des schematischen Verhaltens und die Möglichkeit, alles zu verstehen, die Wahrheit zuzulassen und sich selbst neu zu erfinden. Aber auch, wenn man sich nicht an spezielle Ursprungsszenen erinnern kann, habe ich verschiedene andere Techniken zur Lösung des emotionalen Schmerzes, der einem Schema zugrunde liegt, erfolgreich erprobt.

Dann folgt das Üben im Alltag. Dazu braucht es Geduld und Selbstliebe. Es ist von zentraler Bedeutung in diesem Prozess wie auch bei allen Lernprozessen, dass die Patientin, der Patient lernt, sich selbst zu lieben. Und zwar nicht in in der Zukunft, wenn irgendein erwünschter Idealzustand erreicht ist, sondern genau hier und genau jetzt, mit all den Unfähigkeiten, Schwierigkeiten, körperlichen Beschwerden usw. Solange jemand sich innerlich verurteilt, ablehnt oder antreibt, wird sie/er in der Therapie, im Leben und in der persönlichen Entwicklung keine Fortschritte machen. Was Sie ablehnen, wird Sie boykottieren. Was Sie verurteilen, will nicht heilen. Was Sie nicht akzeptieren wollen, klebt an Ihnen. Es bedeutet nicht, dass Sie so bleiben werden, wie jetzt. Nein, im Gegenteil. Erst wenn Sie sich annehmen, sich selbst akzeptieren, liebevoll betrachten, mitfühlend mit sich sind, werden Ihre versteckten Potentiale freigesetzt und die Lösung ermöglicht.

Das Umsetzen der neuen Handlungsweisen kann dann ganz leicht gelingen, so wie man ein kleines Kind liebevoll über Hürden hinweg begleitet und zum Neuen anleitet.

Autorin: Dipl.-Psych. Lydia Decker

Buchtip zur Vertiefung: Jeffrey Young & Janet Klosko: „Sein Leben neu erfinden. Wie Sie Lebensfallen meistern.“ ISBN 978-3-87387-619-4

Selbstverwirklichung für Frieden und Glück

Selbstverwirklichung – Von der Raupe zum Schmetterling

In der Psychotherapie spielt dieses Konzept keine Rolle. Dort geht es darum, wieder zu funktionieren oder besser zu reagieren oder schlechte Gewohnheiten abzulegen. Das ist völlig in Ordnung, z.B. wenn sich jemand erst einmal aus dem Chaos freischwimmen muss. Auch das sind wichtige Schritte. Und vielleicht ist das auch genug für dieses Leben. Aber es gibt noch mehr und es kann noch viel weiter gehen.
Die Verwirklichung des Selbst ist ein spiritueller Weg. Gemeint ist das Erkennen des wahren Selbstes. Es wird auch bezeichnet als Selbstrealisation oder Entfaltung des göttlichen Selbst und gilt als Vorstufe der Erleuchtung. Das wahre Selbst wird im Buddhismus als Buddha-Natur, im Hinduismus als Atman (wie Atem oder Odem!) und im Westen als Seele bezeichnet. Zum Begriff „Seele“ gibt es unterschiedliche Definitionen in den Religionen des Westens, die westlichen mystischen Traditionen beschreiben jedoch genau dasselbe wie die östlichen. Es ist unser unsterbliches Selbst, das einen materiellen Körper bewohnt und nutzt. Was wir normalerweise als uns selbst empfinden, ist eine angenommene Identität, eine durch Erziehung und gespeicherte Erfahrungen geformte Persönlichkeit und die Identifizierung mit dem Körper. Diese psychischen Strukturen werden in den spirituellen Traditionen des Ostens als falsches Selbst bezeichnet, denn sie trennen uns von der innersten Wirklichkeit, unserer göttlichen Natur.

Das wahre Selbst ist etwas Unbekanntes, etwas Mysteriöses. Das Wort „Verwirklichung“ meint einen Prozess des Freilegens und Erfühlens dieses unbekannten SEINs und sich ihm anvertrauen lernen. Dieser Prozess geht immer weiter, bis wir erleuchtet sind. Dann erst sind wir angekommen. Das wahre Selbst braucht all die vielen materiellen und ideellen Befriedigungen nicht, es braucht keine Suchtmittel, keine Geselligkeiten, keine Karriere, keine Projekte, keinen Erfolg und keine Anpassungen an das Erwünschte. Das wahre Selbst ist vollkommen frei, furchtlos, voller Liebe und Glückseligkeit. So beschreiben es die spirituellen Meister. Und sie sagen auch, dass es sich niemand vorstellen kann, solange es nicht verwirklicht ist. Wer einen Ruf dahin verspürt, einen Drang zu etwas Höherem, eine tiefe Sehnsucht nach dem wahren Zuhause, kann sicher sein, dass es der Ruf des wahres Selbst ist.

Es beginnt vielleicht damit, dass man im Leben nicht so funktioniert oder sich alles anders entwickelt als gewünscht. Das ist zuerst meistens schmerzhaft, krisenhaft, stark verunsichernd. Aus der Sicht des wahren Selbstes jedoch, ist es etwas Positives. Dieser Mensch bekommt die Chance, aus alten Mustern auszusteigen und sich selbst neu kennen zu lernen. Er/sie hat die Gelegenheit, ein wachsendes Bewusstsein für das zu entwickeln, was in ihm/ihr geschieht. Jede Art von Psychotherapie fördert diesen Prozess. Das Leben stellt Menschen manchmal vor Herausforderungen, um sie weiter zu schubsen und ihnen auf eine höhere Ebene des Bewusstseins zu helfen. Wenn das gefordert ist, dann hilft nur noch loslassen und sich befreien von den bisherigen Ideen, wer ich bin oder nicht bin, von bisherigen Wichtigkeiten und Prioritäten materieller Art, dazu gehören z.B. auch Erfolgsgeschichten, die Idee der Wertlosigkeit oder ein Helfersyndrom. Es wird sich die Erkenntnis vertiefen, dass ich nicht weiß, wer ich bin und dass ich es erst wissen werde, wenn ich alle Ideen davon aufgegeben habe.

Unsere vermeintlichen Probleme sind dabei die besten Wegweiser. Was nicht möglich ist oder nicht mehr möglich ist, darf gehen. Dann kommt vielleicht das Festhalten, das Trauern, das Grollen und Hadern. Auch das darf gehen. Dann vielleicht der alte Schmerz, auch der darf aufgelöst werden. Und warum? Wozu? Um sich zu befreien von den alten Identifizierungen und frei zu werden für das Mysterium, das einen Menschen wirklich von ganz innen heraus zufrieden und glückselig macht.

Autorin: Dipl.-Psych. Lydia Decker